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Nahrungsmittel: Überfluss und Mangel

Während in Europa jedes fünfte Brot, jede zweite Kartoffel, jeder zweite Kopfsalat weggeworfen wird, haben rund 925 Millionen Menschen auf dieser Erde zu wenig zu essen. Diese leben vorwiegend im globalen Süden – und könnten von dem, was wir in Europa und Nordamerika wegwerfen, allemal ernährt werden. Ein Blick auf die Situation bei Nahrungsmitteln am Vorabend des Starts der Dokumentation über Lebensmittelabfall, Taste the Waste, am 11. November in österreichischen Kinos.
Von Andrea Sommerauer

„Wir pflanzen Bäume und Gemüse, die wir verkaufen können, so dass wir Geld haben, um Lebensmittel zu kaufen und die Kinder zur Schule zu schicken. Doch jetzt, wo alles teurer geworden ist, gehen sie nicht mehr zur Schule, weil sie zu Hause helfen müssen, das Gemüse anzubauen.“ So wird die Kenianerin Florence Muoki im Welthungerindex 2011 zitiert. Ihre Situation steht für die vieler Armen im globalen Süden, die Preissteigerungen und -schwankungen in der Nahrungsmittelindustrie ganz unmittelbar spüren.
Ganz anders ist die Situation im Norden: Hier leisten sich Produzent/innen, Händler/innen und Konsument/innen eine ungeheure Verschwendung, die sich in mehrfacher Hinsicht auf die globale Lebensmittelversorgung auswirkt. Ungeheure Mengen an Nahrungsmittel, die auch in Ländern des globalen Südens hergestellt werden, landen hierzulande im Abfall. Rund 90 Millionen Tonnen sollen insgesamt in der EU weggeworfen werden. Der Dokumentarfilmer Valentin Thurn zeigt in einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung im Zusammenhang mit seinem neuen Film „Tast the Waste“ auf, wo dieser Abfall liegen bleibt: „Man kann davon ausgehen, dass ein Drittel der 20 Millionen Tonnen, die in Deutschland pro Jahr weggeworfen werden, bei der Landwirtschaft verloren gehen, ein Drittel bei Transport, Herstellern und Handel und ein Drittel beim Verbraucher.“ Gerade der Handel mit seinen restriktiven Normen von Maßen, Gewicht, Aussehen und Farbe hat einen wesentlichen Anteil an der Nahrungsmittelverschwendung.

Grundnahrungsmittel

„Altes Brot ist nicht hart – kein Brot, das ist hart.“ So lautet ein deutsches Sprichwort. Aber das scheint lange her: Es wird zehn bis 20 Prozent mehr produziert als verkauft, belegt eine BOKU-Studie über Brot und Gebäck in Österreich aus dem Jahr 2008. 20.000 Hektar Getreide wird demnach hierzulande letztlich für den Abfall produziert. Außerdem muss in bestimmten Bereichen immer wieder importiert werden, wenn die heimischen Mengen nicht reichen.
Getreide wie Mais, Reis und Weizen sind Grundnahrungsmittel für Menschen. Doch dessen Preis unterliegt immer höheren Schwankungen, wie etwa die Organisation Welthungerhilfe betont. Schwankungen, die gerade die Ärmsten am meisten treffen. Diese Schwankungen entstünden, so die Welthungerhilfe, im Wesentlichen aus dreierlei Gründen: in Folge extremer Wettereignisse und Klimawandels, aufgrund von zunehmender Spekulation an den Agrarbörsen und durch die Steigerung der Produktion für Agrotreibstoffe. Letztere haben einen wesentlichen Anteil daran, dass selbst wenn weltweit die Ernte wie dieses Jahr gut ausfällt, der Bestand im Verhältnis zur Produktion sinkt.

Zudem ist die Produktion von Nahrungsmitteln und ganz besonders der Grundnahrungsmittel in der Hände von wenigen. Buntavi Duang Manisone aus Laos verdeutlicht: „Insgesamt steht weniger für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung, denn die Nahrungsmittelproduktion steht in Konkurrenz zu großen Kautschuk- oder Eukalyptuus-Plantagen.“ (Welthungerindex 2011)
Um im großen Stil für den reichen Norden zu produzieren, verdrängen Plantagen immer mehr die regionalen kleinbäuerlichen Betriebe. Doch was hierzulande mit dem Überangebot an Lebensmitteln geschieht, findet sich etwa im Abfallbericht des Landes Oberösterreich von 2008. Hier wird u.a. das Ergebnis einer Studie, die vom Land selbst beim Institut für Abfallwirtschaft der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) in Auftrag gegeben wurde und die Quantifizierung von Lebensmitteln im Restmüll behandelt, präsentiert. Es ist so deutlich wie erschreckend: Der Anteil dieser Lebensmittel liegt bei knapp 13 Prozent, fast ein Viertel davon fand sich sogar noch in Originalverpackung.

Auswege

10 Kilogramm noch essbare Lebensmittel werden pro Jahr in einem durchschnittlichen österreichischen Haushalt weggeworfen, was diesen bis zu 400 Euro kostet. Diese Zahlen nennt die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BOKU, Felicitas Schneider. Mit EU-weiten oder gar internationalen Zahlen ist sie jedoch vorsichtiger: „Die Zahlen variieren stark.“ Denn eine einheitliche Definition für Lebensmittelabfall gebe es bislang nicht. Schneider nennt Beispiele: Erdapfelschalen, Grünabfälle und Grasschnitt würden teilweise mitgerechnet: „Ich weiß beispielsweise nicht, was hinter den Eurostat-Zahlen steckt.“
Eine einheitliche Definition ist aber die Voraussetzung, um auf Gesamtzahlen und potentiell regionale Unterschiede zu kommen. Die jüngst gegründete international waste working group (iwwg), die Schneider vertritt, hat sich nun verpflichtet, sich innerhalb eines Jahres auf „eine entsprechende Methode für die Studien der iwwg-task group zu einigen“.
In der Zwischenzeit haben sich auch Bewegungen gegen die Lebensmittelverschwendung entwickelt. Da sind „Müllstierler“ genauso unterwegs wie sich bewusste Konsument/innen an Bauernmärkten oder mit Gemüsekisten wiederfinden. In Großbritannien hat Aufklärung von politischer Seite her bereits zu einem stärkeren Bewusstsein geführt, in den USA etablieren sich Kooperativen, die den Handel weitgehend umgehen.
Das ist für die Menschen im globalen Süden aber nicht genug. Für sie ist wichtig, dass die Nahrungsmittelpreise erschwinglich bleiben und sich stabilisieren. Dazu wird von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) etwa ein Umdenken in der Agrotreibstoffpolitik gefordert, was etwa die Streichung von Subventionen oder Beimischquoten bedeutet. Sinnvoll erscheint auch eine Regulierung der Aktivitäten auf den Nahrungsmittelmärkten und die Entwicklung von Strategien zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels, die immer mehr zu Ernteausfällen führen. Und schließlich wird es darum gehen, die kleinbäuerlichen Strukturen wieder zu fördern – um nur einige der notwendigen Maßnahmen zu nennen.

 

Kontakte und weitere Informationen:

Felicitas Schneider, Expertin zu Lebensmittelabfällen: felicitas.schneider@boku.ac.at, Tel.: 01 318 99 00 320

Gertrude Klaffenböck, FIAN - Internationale Menschenrechtsorganisation für das Recht sich zu ernähren: gertrude.klaffenboeck@fian.at, Tel.: 0650 4055 511

Wirtschaftskammer Österreich, Bundesgremium des Agrarhandels, Ausschuss Getreidehandel, Tel. (0)5 90 900 DW 3000-3006; für die Bäcker: Reinhard Kainz

AMA, Agrarmarkt Austria, Tel. 01 331 51-221, Ansprechperson: Peter Schluge

FAO Food Outlook: Global Market Analysis, November 2011

Film TASTE THE WASTE

Tagung "Versinkt die Welt im Müll?" am 6.12.2011
 

News

Kontakt

Mag. Richard Solder
Koordinator
der Plattform Medien & Entwicklung
Tel.: 01 405 55 15 332
richard.solder@suedwind.at

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